Riech’ mal dieses Buch

Schreiben—-Textarbeit • Leseproben

 


Neulich erinnerte er sich an eine Textstelle, die er irgendwann einmal gelesen hatte. Jetzt will er sie endlich nachschlagen. Nur, wie hieß der Autor? Wie lautete bloß der Titel? Rechts unten – auf einer Buchseite irgendwo rechts unten im letzten Absatz jener Seite stand die starke Formulierung, die ihm nun lediglich als ein von ihm schlecht nachgemachter Gedanke durch den Sinn huschte.

riechmal

Es war ein Oktavband in dem Format, das von der Handfläche bis zu den vorderen Fingergliedern bedeckt wird. Er weiß noch genau, wie er minutenlang mit dem fast zusammengeklappten Buch – den rechten Zeigefinger knapp unter die Zeilen gesetzt, mit dem Daumen die Prägung auf der Vorderseite der Buchdecke fühlend und mit den Kuppen der übrigen Finger den hinteren Deckel stützend – wie er minutenlang den Flur entlang schlich, den Kopf leicht gesenkt, den Blick glasig durch die Staubflocken hindurch schickte. Es hatte ihn enorm beeindruckt, dass bereits nach dem ersten Fünftel des Buches eine bestimmte Buchstabenfolge seine Lektüre so eigenartig unterbrach. Zwischen Zeige- und Mittelfinger wog er gleichsam das Bedeutungsgewicht dessen ab, was ihn noch erwarten würde.
——Damals war er versunken in diese fremde Welt, die der vor Jahrhunderten verstorbene Autor vor ihm entfaltete, als flüsterte er sie ihm gerade heimlich ins Ohr. Er wollte das Buch gar nicht mehr loslassen, so sehr verbunden fühlte er sich. Und dann fühlte er das Papier. Die Oberfläche war minimal rau, wie von stumpfem Samt, so dass sie beim Umblättern ausreichende Haftreibung bot. Das Papierweiß war nicht besonders strahlend, auch nicht trübe oder blass, sondern von einer Wärme, ganz leicht gelblich, wie man sie sich durch homöopatisch verdünnte Vanille vorstellen könnte. Das Papier war dünn, und für das geringe Gewicht des einzelnen Blattes erstaunlich federnd, aber nicht störrisch, und überhaupt nicht lasch wie ein feuchtes Baguette. Beim Blättern um die Achse am fadengehefteten Bund klingelte es ganz leise, es verursachte also kein ordinäres Brummen wie so viele andere Bücher. Deshalb ließ er ab und zu die noch bevorstehenden vier Fünftel durch den Daumen rauschen und lauschte dem leisen Summen des Buches. Dessen Gewicht war gemessen an der Stärke des Buchblocks erstaunlich hoch. Ein übergewichtiger Eindruck kam aber deshalb nicht auf, weil sich der Einband flexibel um die Gesamtheit der Buchseiten schmiegte und sich nicht gegen die Bewegungen des Papiers sträubte.
——Immer wieder schaute er auf die Textstelle, er las die Worte, er sah die Worte, zum greifen nah, doch unantastbar – jedenfalls nicht so, wie in den alten Büchern, die mit bleiernen Lettern gedruckt das Schwarzweiß-Geflecht der Schrifttypen noch mit einem Relief überziehen. Wie in eine feine helle Matrix eingebettet waren die tiefschwarzen Worte mit einer Type gedruckt, die mit ihren Füßchen und Häkchen, den Serifen, und den eleganten, kaum wahrnehmbaren Verjüngungen das Auge mit einer Geschmeidigkeit betörten, dass das Auge rhythmisch von Zeilenanfang bis Zeilenende mit nur wenigen Aufsetzern hüpfte. Nicht die Qualität der Schrifttype allein, sondern das überlegte Einrichten aller Maße – die Länge der Zeilen, das heißt die Satzbreite – der Zwischenraum der Zeilen, der Durchschuss – die Höhe der Kolumne, die Zahl der Zeilen auf der Seite – die unbedruckten Papierränder, sie heißen Stege –, war verantwortlich dafür, dass die perlende Schrift ihre volle Lesbarkeit entfalten konnte.
——Der Schriftgrad war nicht besonders groß, dieses Werk war auch nicht splendid, also großzügig und üppig mit den Weißräumen umgehend, ausgestattet. Das wäre dem Umfang und Zweck nicht angemessen gewesen. Der Griff zur Brille störte ihn schon lange nicht mehr, es war ihm klar, dass er ohne sie die größeren Lettern genauso unscharf sah. Er zog die kompakt wirkende Buchseite vor, kannte er doch Gebrauchsliteratur aus der frühen Neuzeit, die in noch kleinerem Taschenformat in noch kleinerer Schrift – die Minuskeln keine zwei Millimeter hoch – von bestimmt noch älteren Lesern konsumiert wurde.
——Seltsam, dass ihm all das erst heute in den Sinn kommt. Auf der Suche nach dem Text spaltet sich das damalige Erlebnis jetzt so eigenartig auf. Als wenn die schönen Schalen einer wohlschmeckenden Frucht nicht bloß an den Geschmack erinnern, erfüllt ihn der Gedanke an die sinnliche Wahrnehmung des Oktavbandes und sehnt sich danach, ihn wieder in den Händen zu halten. So sehr zweckmäßig und schön war das Buch, dass er dies damals überhaupt nicht bemerkte, und ihn jetzt erheblich verunsichert und verwirrt, dass ihm nun diese ganze Sorgfalt auffällt, eher als ihm der Text wieder einfällt.
——Jeden Regalmeter geht er durch, wieder und wieder. Und dann stutzt er: Endlich, dort hinten fahrlässig in die zweite Reihe geschoben, erspäht er eine Ecke des feinmaschigen matt schillernden Einbandgewebes, zupft es vorsichtig nach vorn, lässt es auf den Stehkanten über das Regalbrett in seine linke Hand sinken und sagt zu seiner Frau: »Riech’ mal dieses Buch.«