Heimat am Horizont – alles wird gut.

Schreiben—-Textarbeit • Leseproben

 


Aus der Monumente-Edition Köln von Angela Pfotenhauer und Elmar Lixenfeld

Wer im Großraum Köln mit dem Auto unterwegs ist, fragt sich nicht so sehr, ob er mehr im Norden oder Süden ist. Besonders mit dem Navi spielen die Himmelsrichtungen keine Rolle mehr. Man fragt sich bloß: Wo steht der Dom?

Die mächtige Baumasse des Doms auf der linken Rheinseite bildet den Nabel des rheinischen Universums. Aus welcher Richtung und wie viele Male auch immer der Kölner um den Autobahnring auf die Stadt zufährt – jedes Mal hofft er oder sie auf ein Zeichen, auf das immer wieder überraschende und so wohltuend zuverlässige Wiederauftauchen der beiden Turmspitzen in etwa 157 Metern Höhe. Als bedürfte es in einer Welt, in der jeder Einsturz für möglich gehalten werden muss, immer wieder dieses Beweises, dass er zumindest noch steht, Köln noch da ist, seufzt es erleichtert im Hirn des Kölners, der Dom! Damit ist gemeint: Entspannung. Wieder zuhause. Alles wird gut.

Ein Stadtplan wie im Tatort

Wie der schwarze Punkt im Zentrum einer Zielscheibe steht der Dom auf dem Köln-Stadtplan. Vom Dom aus in die Welt, das heißt, in das Rheinland geschaut, werden die für Ortsfremde oft verwirrenden konzentrischen Straßenringe mit ihren alten radialen Ausfallstraßen als logische Stadtplanung erkennbar: Der Ring oder auch die Ringe, der innerste halbkreisförmige Straßenverlauf, der im Norden und im Süden auf die Straße am Rheinufer stößt, markiert die Ausdehnung der historischen Altstadt innerhalb der mittelalterlichen, halbkreisförmigen Stadtmauer, wie sie über Jahrhunderte bestanden hatte – bis zu ihrem Abriss ab 1880. Die anstelle des Mauerbogens angelegte Ringstraße, eine typische repräsentative Flaniermeile mit Plätzen, Brunnen, Kirchen und Wohnhäusern, wurde in der wilhelminischen Kaiserzeit als Boulevard der Neustadt um das bis dahin kleinteilig parzellierte alte Köln herumgelegt.
——Der alte Stadtkern war bei Kriegsende 1945 eine Trümmerlandschaft. Der Dom hatte standgehalten. Erst mit der Beräumung von Schuttbergen in nie gekannten Mengen wurde das Straßensystem wieder erkennbar.
——Nahezu alles, was man heute, im 21. Jahrhundert, in der Altstadt an Gebäuden sieht, wurde auf Ruinen wiederaufgebaut. Die Stellen sind alt, viele Straßen bestehen seit Jahrhunderten, doch die Bausubstanz selbst wurde im Wesentlichen nach 1945 hochgezogen. Allein die Art und Weise des Wieder-Aufbaus, des Wieder-Neubaus, des wieder Alt-Bauens, macht deutsche Großstädte wie Köln für Gäste aus anderen Teilen der Welt besonders interessant.

 

Fünf Vignetten aus dem Kölner Stadtgrundriss.

 

Der Kölner als Ethnie

Wenn im Buch gelegentlich von dem Kölner oder dem Nichtkölner die Rede ist, zeigt es freilich nicht das biologische Genus an, sondern meint die Gattung im Allgemeinen. Also – der Kölner gilt als besondere Ethnie, gekennzeichnet durch sein Verhältnis zu den erweiterten Himmelsrichtungen Zenit und Nadir – das heißt zum lieben Gott im Himmel und den Baustellen tief in der Erde.

Traditionsinseln in der neuen Stadt

Angesichts der flächendeckenden Ruinenlandschaft wird verständlich, warum man beim Wiederaufbau Kölns versuchte, zwischen den neuen Straßenschneisen mit modernen Wohn- und Geschäftshäusern alte Orientierungspunkte zu erhalten, oder vielmehr erst zu schaffen. Dies waren selbstredend nach damaligem Konsens in der seit Jahrhunderten durch das katholische Christentum geprägten erzbischöflichen Stadt die großen alten Pfarr-, Stifts- und Klosterkirchen und einige Stadttore. Die städtische Denkmalpflege etablierte Anfang der 1980er Jahre den öffentlichkeitswirksamen Begriff vom Kranz der zwölf romanischen Kirchen Kölns, die mit bestaunenswerten persönlichen, finanziellen und personellen Anstrengungen in den Ruinen gesichert und nach bestem kunstgeschichtlichen Kenntnisstand im Zeitraum von mehreren Jahrzehnten wieder hergestellt wurden. Planmäßig wurden in der Altstadt besondere Orte mit Kapellen, Kloster- und Pfarrkirchen wie Inseln vom innerstädtischen Autoverkehr freigehalten. Diese herauspräparierten ruhigen Identifikationsorte wurden bewusst städtebaulich betont, indem strikte Höhenbegrenzungen für die sie umgebende neue Wohn- und Geschäftsbebauung vorgeschrieben waren.
——Mit den wenigen erhaltenen Stadttoren ging man ähnlich um wie mit den Kirchen; wie Standbilder stehen die Torburgen, die im Mittelalter einst streng bewachten Ein- und Ausgänge zur Stadt, als Allegorien der alten Zeit auf Plätzen beziehungsweise an Verkehrsknotenpunkten.
——Heute sind der Dom, die Kirchen, Stadttore und Mauerreste herausgeschälte Stellvertreter, die weiterhin als dreidimensionale Symbole bestehen sollen und deshalb gesetzlich geschützt sind. Denn erst ihre physische Anwesenheit garantiert, dass man sich in einer sich ständig verändernden Geschäfts-, Wohn- und Freizeitstadt überhaupt vorstellen kann, wie sehr sich die Stadt in wenigen Generationen gewandelt hat – und dass das alte Köln jahrhundertelang eine Stadt der Fußgänger war.

Denkmalschutz für zwei Prozent

Der Veränderungsdruck auf die alte Stadt Köln ist mitnichten vorbei, im Gegenteil: Er stellt hohe Ansprüche an aktuelle und künftige Stadtplanungen. Denn Köln liegt im Zentrum eines wachsenden Großraumes. Bis 2020 rechnet die Stadt mit etwa 100.000 Neubürgern, für die etwa 52.000 bezahlbare Wohnungen gebraucht werden. Köln wächst schneller als andere deutsche Städte und schiebt sich auf Bauland, Straßen und Schienen massiv ins links- wie rechtsrheinische Umland hinein. Weiterhin verschwinden Grünflächen, wird fruchtbarer Boden versiegelt. Je dominanter und selbstverständlicher in großformatigen Bauvolumen geplant wird, desto deutlicher bedauern alle den fortschreitenden Verlust kleinteiliger Quartiersstrukturen. Wenn in Planungsdebatten Baudenkmale als Hindernisse herabgesetzt werden, muss man sich über Folgendes klar sein: Die per Gesetz unter Schutz stehenden Denkmale machen nicht einmal zwei Prozent aller Gebäude aus.
——Gerade in der hochpreisigen Altstadt ist der Veränderungsdruck durch Verdichtung so enorm, dass das Denkmalschutzgesetz den Abriss oft nicht verhindern kann. Der Widerstand ist besonders dort gering, wo die öffentliche Meinung noch immer glaubt, dass Denkmalschutz etwas mit Fassadenschmuck, mit Historisierung, mit Rekonstruktion oder mit den eigenen kurzlebigen Vorstellungen von Glanz, Schönheit und Gemütlichkeit zu tun habe.
——Denkmalschutz und Umweltschutz haben im Rheinland ähnliche Wurzeln und Ziele. Es geht darum, über kurzlebige Moden hinaus das Gewordene wertzuschätzen, Ressourcen zu schonen – also das, was andere geschaffen haben, respektvoll und pfleglich zu behandeln.
——Damit die immer dichter bebaute Innenstadt überhaupt atmen kann, haben weitblickende Kölner in den 1920er Jahren eine grüne Lunge angelegt: den Inneren und Äußeren Grüngürtel. Wie die Ringstraße anstelle der Stadtmauer, so entstand auch der Äußere Grüngürtel dadurch, dass eine vormals militärisch bebauungsfrei gehaltene Zone aufgegeben und für die Ausdehnung von Stadt und öffentlichem Grün freigegeben werden konnte. Der keineswegs nur für Freizeitvergnügen oder zur Steigerung von Immobilienpreisen angelegte Grüngürtel ist mit seinem alten Baumbestand lebenswichtig. Der Innere Grüngürtel ist zwar im Stadtplan als weitgehend unbebaute Fläche erkennbar, wird aber durch mehrspurige Ausfallstraßen unterbrochen und macht das Überqueren von Ampelkreuzungen bisweilen zu einem regelrechten Parcourslauf.

 

 

alleswirdgut


——Auf den Inneren Grüngürtel folgen weitere, jüngere Ringstraßen, Innere Kanal- und Universitätsstraße, der Ring der Gürtelstraßen, die Schnellstraße des Militärrings, der Äußere Grüngürtel – und endlich die Autobahnen A1, A3 und A4, wenn man mal einen großen Bogen machen muss.
——Die meisten der mehr als eine Million Kölner leben nicht innerhalb des historischen Stadtgebietes, sondern weit außerhalb der Ringe. Das bedeutet ganz banal, dass die meisten Kölner im Alltag seltener mit Denkmalen in Berührung kommen. Wer sich also als Denkmal-Schützer versteht, muss seine guten Argumente geduldig wiederholen, den Sinn für die nächste Generation immer wieder neu übersetzen. Denn das Alte ist vielen Bürgern fremd geworden, während die Moderne vielen bis heute fremd geblieben ist. Wozu erhalten wir Stadttore aus dem Mittelalter, wozu pflegen wir Mauerreste von preußischen Forts, wozu ringen wir um die Erhaltung von Kirchen der Nachkriegsmoderne, wozu restaurieren wir Altbauten und Parkhäuser – wozu?

Köln als Zentrum der Welt

Der Grundriss der Stadt ist ihr wichtigstes Denkmal. Das Straßennetz, von der kleinsten Gasse bis zur Autobahn, ist das planmäßig gewachsene Gerüst, das alle Räume und Bewegungen definiert. Das Besondere an Köln: Trotz der modernen Schnellstraßen und Verkehrsschneisen kann man am Stadtplan erkennen, dass die ältesten Straßen ein klar in alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtetes Kreuz am linken Rheinufer bilden. Lange vor dem mittelalterlichen Rathausbau kreuzten sich in der römischen Innenstadt eine Nord-Süd- und eine Ost-West-Fernstraße: Nach der Eroberung Galliens durch Gaius Iulius Caesar und mit der Erhebung Kölns zur römischen Kolonie, zur Colonia, zur CCAA, zur Colonia Claudia Ara Agrippinensium, wurde eine Infrastruktur fällig, die in bewährter römisch-pragmatischer Planungsbürokratie rasterförmig angelegt wurde. Die nord-südliche Fernstraße führte am linken Rheinufer entlang – jenseits des Rheins lag das freie Germanien. Als Straßenname wird diese Achse innerstädtisch als Hohe Straße, Eigelstein und Severinstraße greifbar, die weiter nördlich Neusser Straße und weiter südlich Bonner Straße heißt. Die Ost-West-Achse führt geradlinig aus der Stadt heraus, als heutige Aachener Straße bis Aachen, die spätere Kaiserstadt Karls des Großen.

Schunkeln als Ausdruck von Körperintelligenz

Köln ist nicht ohne Karneval zu verstehen, auch Kölns Stadtplanung nicht. Böse Zungen meinen sogar: Der Kölner stürzt sich nicht, er schunkelt sich in die Katastrophe. Deshalb glaubte der Kölner auch lange an den selbst gestrickten Mythos, die Nazis hätten es in seinem rheinischen, katholisch-karnevalistischen Köln immer schwer gehabt, hätten hier nie Fuß fassen können. Inzwischen erinnert das Karnevalsmuseum daran, dass die Prinzenproklamation, der Begriff des Dreigestirns und das weibliche Funkenmariechen 1936 eingeführt wurden. Im Karnevalsmuseum werden auch die ungeliebten Zusammenhänge ebenso anschaulich wie kritisch erforscht und dargestellt.
——Einen schweren, noch lange nicht verarbeiteten Abschied mussten die Kölner vom größten kommunalen Archiv nördlich der Alpen nehmen: dem Historischen Archiv, das am 3. März 2009 einstürzte und zwei Nachbarhäuser mitriss, in denen zwei junge Männer starben. Etwa 30 Regalkilometer Archivgut schienen bis dahin sicher untergebracht. Kölner betonen mittlerweile: Ein Teil der Bestände und die Datenbanken stehen wieder zur Verfügung.

Parallelen zu Frankfurt am Main

Bei allen Verlusten durch Krieg und Abriss ist es Köln bis ins 21. Jahrhundert gelungen, die Identität als eine der ältesten Städte Deutschlands zu bewahren. Köln gehört zu den wichtigsten Stationen einer Europareise und gilt als geschichtsreiche, sehenswürdige Stadt. Wie ist das angesichts der flächendeckenden Kriegsverluste möglich?
——Wer Kölns Stadtgestalt verstehen will und das etwa 180 Kilometer entfernte Frankfurt am Main kennt, dem werden viele Gemeinsamkeiten auffallen. Beide Städte wurden ähnlich schwer im Zweiten Weltkrieg zerstört. Die Verkehrsplanungen und der Wiederaufbau wurden von Stadtplanern und Architektenpersönlichkeiten wie Rudolf Schwarz geprägt. Beide Städte entwickelten sich seit der Römerzeit vor fast zwei Jahrtausenden konzentrisch an einem Flussufer. Das Wachstum durch Zeit und Raum ist im Kölner wie im Frankfurter Stadtplan ablesbar. Für Köln wie für Frankfurt waren die Stadtplanung und die Politik der 1920er Jahre entscheidend, damals wurden Grundlagen für das 21. Jahrhundert geschaffen: In Frankfurt steht dafür der weitsichtige Oberbürgermeister Ludwig Landmann mit seinem Stadtdezernenten Ernst May, in Köln war es der OB und spätere Bundeskanzler Konrad Adenauer mit seinem Stadtbaumeister Fritz Schumacher. Beide Politiker förderten ihre Stadt systematisch mit ähnlichen Schwerpunkten: Hier wie dort erkannte man die Chancen der alten Stadt als ausbaufähigen Standort an einem schiffbaren Fluss. Adenauer ließ die Güterhäfen ausbauen, überzeugte den amerikanischen Autokonzern Ford davon, sich in Köln statt in Frankfurt niederzulassen. Wie Landmann sorgte Adenauer für überregionale Verbindungen durch Autobahnen und Flughafen; am Militärring wurde der Flughafen Butzweilerhof mit einer direkten Straße zum Messegelände in Köln-Deutz ausgebaut. Wie sein Frankfurter Kollege förderte Adenauer internationale Messen und Ausstellungen: Legendär sind die Werkbund-Ausstellung (1914) und die Pressa (1928). Und nicht zuletzt – davon profitieren viele tausend Kölner bis heute – investierten beide Großstädte in den wenigen Jahren der Weimarer Republik trotz Arbeitslosigkeit und Inflation in anspruchsvolle Siedlungsbauprogramme im Grünen, um die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg zu lindern und Arbeitskräfte mit ihren Familien an die Stadt zu binden.

Stadt des 20. Jahrhunderts

Die Modernisierung der Stadt in den  1920er Jahren wurde nach 1945 fortgesetzt. Köln ist viel stärker eine Stadt des 20. Jahrhunderts auf historischem Grundriss, als es der kunsthistorische Blick mit seiner gewohnten Fixierung auf einzelne alte Sehens-Würdigkeiten suggeriert. Was die Identität der Großstadt ausmacht, ist weniger das Einzeldenkmal als die städtische Heterogenität, das Dazwischen, das Gewordene, die Vielgestaltigkeit, das Lebendige.
——Alles, was hier gesagt wurde, wissen die Kölner natürlich. Alles, was wir in diesem Buch zeigen, ist in Fachbüchern längst ausführlicher dargestellt. Worum es uns geht, das sind die Kontraste in einer wilden Mischung. Wir zeigen auch an unerwarteten Beispielen, wie denkmalpflegerisch ausgerichtetes Denken, Eingreifen und Streiten um Originale die von der Stadtöffentlichkeit geschätzte Lebenswirklichkeit bereichert.

 

köln_stadtarchiv_lixenfeld

Köln, Karneval 2014, fünf Jahre nach dem Einsturz des Historischen Archivs.