Das Mainzer Rathaus von Arne Jacobsen

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Aus der Monumente-Edition Mainz von Angela Pfotenhauer und Elmar Lixenfeld

»Schon damals, als Jugendliche, als ich für ABBA schwärmte, gestreifte Hosen mit weitem Schlag trug und die Küchenfliesen mit Pril-Blumen beklebte, besichtigte ich unser nagelneues Rathaus – und war hin und weg!«, so erinnert sich eine Beschäftigte der Stadt, deren Büro im Rathaus einen weiten Blick auf das Rheinpanorama ermöglicht. Damals zählte sie zu jenen 50.000 Bürgern, die sich 1974 bei der Eröffnung in den neuen Rathausfluren drängten. Heute leiden manche ihrer Kolleginnen darunter, dass sie die Fenster nicht öffnen können.

Der Stolz der Stadt ist keine 40 Jahre alt

Der Däne Arne Jacobsen, seinerzeit schon eine Berühmtheit unter den europäischen Architekten, gewann den Realisierungswettbewerb für das neue Mainzer Rathaus am Rhein. Es war das Signal für einen städtebaulichen Neubeginn, und zugleich war es der erste Rathausneubau nach mehr als 600 Jahren, denn 1462 hatte der Erzbischof die bürgerliche Selbstverwaltung gewaltsam beendet.
——Der 1968 ausgelobte Wettbewerb war ein Bekenntnis für Demokratie und Bürgernähe. Er sollte überdies eine prekäre städtebauliche Frage beantworten, denn der Autoverkehr trennt bis heute die Altstadt vom Rheinufer. Dank der großen Tiefgarage gelangt man seitdem bequem in die Rheingoldhalle und ins Rathausfoyer.

Originale Ausstattung mit Jacobsen-Mobiliar

Die gerasterte Rathausfassade lässt nicht vermuten, wie das Eingangsfoyer aussieht: überraschend klein und unrepräsentativ für ein Rathaus. Zwei grüne, frei im Treppenhaus stehende Aufzugsröhren erinnern an das Centre Pompidou, das Renzo Piano und Richard Rogers fast zeitgleich, seit 1971, in Paris bauten. Bewusst öffnet sich das Foyer nach oben wie ein Turm; die Treppe ist wie bei einem Stadtturm außen herum geführt. Wenn sich die gewölbte Schiebetür des runden Aufzugs schließt, kann man schon mal denken, »Scotty, beam me up!«, und sich wie Captain Kirk in Raumschiff Enterprise fühlen.
——Wie eine Kantine sieht der lichtdurchflutete Saal im Obergeschoss nicht aus, eher wie ein Panorama-Café mit Blick in die Rheinlandschaft. Das halböffentliche Selbstbedienungsrestaurant ist für Beschäftigte der Stadtverwaltung und für Bürger gleichermaßen geöffnet.
——Im Jahr 2015 sitzt man auf den gleichen Stühlen wie 1974, auf einfachen, jedoch elegant geschwungenen Holzstühlen, entworfen von Jacobsen selbst – und längst Sammelstücke. Die hölzerne Ausführung der Stühle ist stapelbar und unverwüstlich, die edleren, mit Leder bezogenen Varianten des Modells »Die Lilie«, die Jacobsen für die repräsentativen Sitzungs- und Empfangssäle entwarf, sind natürlich nicht stapelbar.
——Lederstühle brauchen eine sorgsame Behandlung – eben so wie gute Wohnzimmersessel. Doch selbst die geringste Pflege von feinen Lederpolstern ist in einem kommunalen Nutzungszusammenhang eine Herausforderung. So banal es klingt: Das Rathaus richtig zu putzen und zu pflegen ist so anspruchsvoll wie die Reinigung von Schlossräumen. Es sind eben keine Möbel aus dem Kaufhaus, weil es bei aller Repräsentation auch um Bequemlichkeit geht. Jacobsen hat alles in Form, Farbe und Material aufeinander abgestimmt: die Säle, die nach den Partnerstädten benannt sind, die Büroausstattungen, die Wandvertäfelungen in den Fluren, die Türklinken. Das Rathaus ist ein nahezu vollständig erhaltenes Baudenkmal im Stil der Sechziger Jahre.

Feierliche Ernsthaftigkeit im Ratssaal

Rückblickend verbindet man die frühen 1970er Jahre mit Popkultur, mit geschwungenen, bunten Plastikmöbeln. Beim Rathaus hingegen ist alles auf Dauerhaftigkeit angelegt. Gestalterische Entschiedenheit und Ernsthaftigkeit sind der Bauaufgabe angemessen, und der hohe Anspruch kulminiert im Herzstück des Gebäudes, dem Ratssaal, in dem die gewählten Bürgervertreter für das Gemeinwohl streiten sollen, um den Ausbau von Schulen, Museen, Verkehrsmitteln verhandeln und sich zuweilen schwere Kompromisse abzuringen haben.
——Die Feierlichkeit des runden Ratssaales erinnert an die sakrale, konzentrierte Atmosphäre der Kirche Heilig Kreuz, die Richard Jörg bis 1954 schuf. Hier wie dort verleiht das von oben kommende Licht dem Raum eine über den Alltag hinaus weisende Bedeutung.
——Das Rathaus verzichtet auf jegliche Herrschaftsattitüden und triumphale Gesten. Tradition drückt sich dezent, an wenigen Stellen, aus. Es gibt keine Trophäen oder Gemälde von Persönlichkeiten der Vergangenheit. Man fühlt sich gut aufgehoben in den Räumen, die eine schnörkellose Klarheit atmen.
——Der runde Teppich in der Mitte des Ratssaales zeigt den Grundriss der Stadt mit den erst 1969, kaum fünf Jahre vor dem Neubau, eingemeindeten Vororten. Die Stadt im Mittelpunkt der Verhandlungen – dieses Motiv vermittelt ohne Worte, worum es im Ratssaal geht: nicht um abstrakte Symbole, die an eine große Vergangenheit erinnern, sondern um die konkrete Gestaltung der Gegenwart.

 

Die Eleganz ist beschädigt

Und heute? Im Jahr 2015 fühlt man sich im »Bauch« des Rathauses, im weitläufigen Versorgungskeller, wie in einem technischen Museum. Was damals »vom Feinsten« war, teure Hightech, Fernwärmenutzung und eine gigantische Klimaanlage, nennen Manche eine »Geldfressmaschine«, die sich die Kommune nicht mehr erlauben könne.
——Es ist eine Tatsache: Die gesamte Haustechnik ist veraltet und lässt viele Mitarbeiter unter Hitze, Kälte und schlechter Luft leiden. Schon bei 14 Grad Außentemperatur muss das Gebäude gekühlt werden. Die Schattengitter vor den großen Fenstern hielt man vor einer Generation für eine optisch wie praktisch raffinierte Fassade. Heute isoliert man anders. Doch auch Neubauten, die man jetzt als energieeffizient und topmodern plant, wird man wieder nach vierzig Jahren als technisch überholt belächeln. Wenn man heute werbewirksam von durabler Architektur spricht, meint man eine Haltbarkeit von einer Generation. Dennoch ist die Sanierung des Rathauses eine Herausforderung für eine Stadt, die es, wie fast alle Städte, versäumt hat, ihr „Tafelsilber zu putzen«, als es finanziell noch gut ging. Polemisieren wir weiter: Beim Neubau eines Fußballstadions hat man viele Bürger auf seiner Seite, bei der Sanierung eines Rathauses fällt die Rechtfertigung schwerer, solange es noch einen Sanierungsstau bei Schulen gibt.
——Was 1974 nach dem Stand der Dinge verwirklicht wurde, gilt eine Generation später als Problem. Neu ist das Thema nicht, denn die Bauunterhaltung von Schloss, Zitadelle oder Museen ist eine Daueraufgabe – und wird es für zukünftige Generationen sein. Für die Erhaltung des Rathauses muss man Geld in die Hand nehmen, das (dafür) nicht da ist – wenn zugleich Bürger, Schüler und Lehrer unter Haushaltssperren leiden.
——Die Stadt Mainz ist darauf angewiesen, dass ihre wertvollen Baudenkmale durch private Initiativen mitgetragen werden, ohne privatisiert zu werden. Und weil das Thema Geld im Jahr 2012 viele nervös machte, formulierte man mit Millionenbeträgen Drohungen: 60 Millionen Euro würde die Kernsanierung des Rathauses kosten – für diese Summe könnte man abreißen und neu bauen, so rechnen die Fachleute der Zahlen vor. Die Sichtweise wird rechnerisch vielleicht stimmen. Doch die Unterhaltung von Kulturbauten muss meist bezuschusst werden – und im Unterschied zu alten Baudenkmalen, die als Stadtschmuck und Bildmotiv wahrgenommen werden, ist es ungleich leichter, den Bürgern den Grund für die Kosten zu vermitteln. Sind die Geldargumente noch nicht erschlagend, knicken schließlich die letzten Befürworter einer Sanierung ein, wenn man mit Energiekosten und der politisch geforderten Wärmedämmung argumentiert.

Alltag: Stühle und Menschen altern gemeinsam

Die Ursache des Dilemmas ist bei Gebäuden der eigenen Zeitgeschichte überall ähnlich: Das neue Gebäude wurde nicht ordentlich unterhalten, als es noch gut aussah. Wenn die Oberflächen ungepflegt wirken und Bauschäden von Hochwasser nicht schnell behoben werden können, entsteht leicht ein Abrisskandidat.
——Hinzu kommt, dass man bei einem neuen, zeitgenössischen Gebäude, das für tägliche Verwaltungsarbeiten (ab-)genutzt wird, schwer den kulturgeschichtlichen Wert erkennen kann, denn die Büros, Stühle und Tische altern gemeinsam mit den Menschen, die sie benutzen.
——Auch teures Leder von Stühlen wird schäbig und rissig, wenn es nicht ab und zu ein bisschen Fett bekommt; Tischkanten schubbern ab; Steinboden wird matt, wenn aggressive Putzmittel verwendet werden; Teppich wird fleckig, Holzmaserungen verschwinden hinter Ausstellungstafeln, elegante Oberflächen werden mit Zetteln beklebt; Nischen in den Fluren, als Sitzecken geplant, dienen als Zwischenlager für ausrangierte Bürotechnik. Spätestens als die Stadt einen Teil der Möbel zur Versteigerung anbot, um Geld für die Restaurierung der Lederstühle zu bekommen, und die internationalen Gebote schnell kamen, wurde man wach. Es gelang der Stadt mit großem Engagement, für die Restaurierung vieler Stühle zu sorgen: Wunderschön reihen sich die Möwen- und Lilienformen im Empfangssaal nebeneinander. Und nun? Die einen Mitarbeiter stapeln die Lederstühle ruppig und gedankenlos, andere benutzen sie als Leiterersatz.

Eine überragende Architektur in Gefahr

Diese Darstellung mag etwas polemisch sein, ja. Aber es gehört zu den Aufgaben von Bürgern, aufzurütteln, wenn das »Ratssilber« in Gefahr ist, weil die politische Wachsamkeit durch dringende Themen gebunden ist. Die Erhaltung des Rathauses ist mehr als dringend – sie ist wichtig. Wichtig für eine Stadt, die Kirchen, Adelspaläste und Bürgerhäuser gerettet hat. Auch die zeitgenössische Moderne sollte man nicht opfern.
——Wie so oft im Alltag vieler Städte wurde ein Rathaus aus Geldmangel und ohne Sensibilität für die kulturgeschichtliche Tragweite der Sechziger Jahre nicht angemessen behandelt, gepflegt, geputzt, repariert, gewürdigt. Es ist eine Frage der Achtsamkeit, der Organisation, der Phantasie, der Kreativität, des Verantwortungsgefühls jedes Einzelnen, des Weitblicks für die nächsten Generationen und des politischen Willens, was man erhalten und was man opfern will. Eine Lösung für die finanzielle Machbarkeit haben wir leider auch nicht, doch als Bürger, die an Architektur interessiert sind, wollen wir auf den Wert eines Mainzer Wahrzeichens in exponierter Lage am Rheinufer hinweisen, das vor lauter Sorgen um andere Originale, die zu lange schlecht behandelt wurden, übersehen wurde.