Fächerübergreifendes Pilgern

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Aus der Monumente-Edition Eifel von Angela Pfotenhauer und Elmar Lixenfeld

Die Bruder-Klaus-Feldkapelle bei Wachendorf von Peter Zumthor

Was suchen die da? Dort gibt es nicht einmal ein Café, keinen Souvenirverkauf, niemanden, der einen empfängt, begrüßt, einweist, führt, an die Hand nimmt. Und dennoch: Selbst bei Regenwetter parken zehn, zwanzig Autos am Ortsrand vor Wachendorf. Die oft zu zweit oder eben in einen Pkw passenden Angereisten packen Butterbrote aus, nehmen noch einen Schluck aus der Wasserflasche, wechseln Schuhe. Während sie das Baby im Auto stillt, bereitet er schon mal Kamera, Regenjacken, Kinderwagen und Hund vor. Zentralverriegelungen surren, dann geht es los. Zu Fuß. Das Ziel im Auge.

Niemand hetzt, man schreitet. Überholt nicht, bewahrt Abstand zu den Anderen und zeigt den Eigenen das Spiel der Wolken, die Wellen des Windes in den Ähren, genießt die wechselnden Perspektiven auf das Ziel, die der Fußweg öffnet. Man begegnet sich, grüßt kurz, fühlt sich unsichtbar miteinander verbunden in der Wertschätzung desselben Ziels.
——Bedächtigkeit liegt über allem. Reines Wandern ist etwas anderes, zackige Walking-Bewegungen wären peinlich. Auf subtile Weise laden Wegeführung und Ziel zum meditativen Gehen ein. Pilgern, wie auf ein geheimes Zeichen, ohne Jakobsmuschel. Es gibt kein Event, kein spezielles Datum, keinen offiziellen Gedenktag, keinen Schluss-Segen wie nach dem Kirchgang, keine Wundererzählungen. Und dennoch flüstert aus der Landschaft der verlockende Sirenenruf »Ich bin dann mal weg.«
——Wohin? Nicht nach Santiago, sondern nach Wachendorf in der Eifel. Keine halbe Autostunde von Köln entfernt. Ein kleines Weggehen ist dies, Pilgern en miniature, kein biografischer Einschnitt, kein wochenlanges Aussteigen aus der Kohlenstoffwelt. Pilgern ohne Organisation, ohne Planung. Das Ziel selbst ein Monolith, Turm, Höhle, Bergfried, der streng, polygon, fensterlos, einsam zwischen Getreidefeldern steht. Hierher pilgert man ganzjährig, wetterunabhängig, Ideologien übergreifend – nur Wenigen ist es wichtig, dass die Kapelle nach katholischem Ritus geweiht wurde. Besonders bei Regenwetter scheiden sich aus der Ferne sandfarbene Schichten im Mauerwerk, erinnern an eifeltypische Gesteinslagen. Dort haben Jahrmillionen daran gearbeitet, hier stampften Baufachleute und ehrenamtliche Helfer in 24 Tagewerken Betonschichten von 50 Zentimetern übereinander.
——Aus der Ferne ist die Größe des Bauwerks schwer einzuschätzen, denn es gibt keine Nachbargebäude. Ab fünf, sechs Besuchern wird es schon eng in der Kapelle. Der zwölf Meter hohe Turm wird in der Weite der Felder, Wiesen und Wälder zum Bezugspunkt, gehört zur Landschaft, so, als hätte er der Erosion seit Äonen standgehalten.
——Kein Fassadenschmuck, nur eine schwere, dreieckige Stahltür, deren Spitze auf ein gleichschenkeliges Kreuz weist. Dann die Überraschung, der Innenraum. Was immer man erwartet haben mag, was man jetzt sieht, hat mit der Außenansicht wenig zu tun. Eigentlich sollte man es nicht enthüllen, nicht vorher zeigen, keine Fotos verbreiten. Doch zu spät. Längst haben viele ihr Empfinden mit der Welt teilen wollen und ihre Fotos ins Internet gestellt. Der Urheber dieses Raumes, der Schweizer Architekt Peter Zumthor, nimmt es gelassen.
——Auf einem fünfeckigen Grundriss entstand ein gedämpft belichteter, turmähnlicher Zentralbau, dessen schräge Wände sich gleich einem Tipi nach oben verjüngen und in einer fischblasenförmigen Öffnung den Himmel freigeben. Bei Regen und Schnee bildet sich auf dem Boden eine Pfütze, die die augenförmige Deckenöffnung widerspiegelt, wörtlich und bildlich.

 

——Die Wände erinnern nicht nur an verkohlte dünne Baumstämme, sie tragen auch die Ab-drücke von ihnen und lassen an Kanneluren antiker Säulenschäfte denken. Wie in einer Tropfsteinhöhle läuft Regenwasser die Grate hinab. Zumthor wusste im Herbst 2006, welche Wirkung sein Bauwerk erzielen sollte, als er 112 Fichtenstämme als innere Schalung aufstellte, die er später über drei Wochen hinweg durch ein schwelendes Mottfeuer trocknen ließ. Durch die Schrumpfung lösten sich die Stämme leicht vom ausgehärteten Beton ab und hinterließen ihre konkave Hohlform. Das Bauen selbst wurde nach sorgfältiger Planung besonnen und streng als Ritual durchgeführt – man möchte fast sagen: wie es sich für einen Sakralbau gehört. Die Kräfte der Elemente Holz, Feuer, Wasser, Luft und Erde wirkten konsequent zusammen.
——Die Besonnenheit Zumthors ermöglichte einen archaisch anmutenden Bau, bei dem der ungewöhnliche Herstellungsprozess ablesbar bleibt. Das Ergebnis ist eine Kapelle des 21. Jahrhunderts, ohne Rückgriff auf Tradition und dennoch mit einem inneren Bezug zur Eifellandschaft. Auch für den Fußboden wendete Zumthor ein elementares Verfahren an, das mit dem Spiel aus Zufall und Erfahrung arbeitet: Kelle für Kelle hinterließ flüssiges Zinnblei eine rudimentäre, an erkaltete Lava erinnernde Struktur.
——Entstanden ist ein Andachtsraum, ein geschütztes, massives Zelt der Stille. Die symbolische Dichte der bergenden Hülle wirkt jeglichem Bedürfnis nach dekorativem Schmuck entgegen. Die atmosphärische Fülle berührt, unabhängig davon, ob man sich selbst als suchenden oder nichtreligiösen Menschen definiert. Da sich Menschen an einem Ort der Sammlung irgendwie äußern wollen, etwas tun, hinterlassen möchten, ist auch dafür gesorgt: Sorgfältig gestapelt liegen Kerzen und Streichhölzer neben einem Sandbett bereit.
——Durch die 350 Röhren, in denen die Verankerungen von Außen- und Innenverschalung geführt worden waren, fällt nun Tageslicht ein: Die Öffnungen schloss Zumthor innen mit 350 mundgeblasenen Glaskugeln. Bei Sonnenschein bricht sich im Glas das Licht zu vielfachem Funkeln, bei Regen schimmern die Kugeln wie Wassertropfen. Dadurch wirkt die Kapelle bei Sonne wie eine Höhle in der Nacht. Strom und Lampen sind überflüssig, pflegeintensive Regenrinnen gleichfalls.
——Ein weiteres Konstruktionsprinzip erinnert an die vorausschauende Raum- und Lichtplanung gotischer Kirchen: Der Baumeister muss von Beginn an imaginieren, wie sich die Formen hoch oben schließen werden, während er noch den Baugrund vorbereitet. Während der weite Säulenraum der Gotik farbige Lichtreflexe nach innen zieht und den Himmel auf Erden abbilden soll, arbeitet Zumthor mit der umgekehrten Bewegung: Die Kapelle lässt Sonnenlicht von oben ein, die Lichtstrahlen reflektieren in der Wasserpfütze auf dem Bleiboden.
——Die minimalistische und zugleich komplexe Kapelle zeigt, wie man sicher und dauerhaft bauen kann und zugleich selbst angesichts steigender Besucherzahlen sogar im Winter und bei Matschwetter dem Einzelnen das Gefühl vermittelt, willkommen zu sein. Die Kapelle ist Privatbesitz. Sie entstand, wie viele Eifelkapellen, aus Dankbarkeit für ein gutes Leben. Die Eifeler Familie Trudel und Hermann-Josef Scheidtweiler war so mutig, einen weltweit bekannten Architekten für ein privates Anliegen anzusprechen.
——Was suchen die da, an diesem Ort ohne Halligalli, die Religiösen und die Nichtreligiösen, die Architektur-Freaks und die jungen Familien mit Kindern? Was der Einzelne sucht, ist nicht zu beantworten. Was jeder finden kann, ist tiefe Ernsthaftigkeit. Ein Ort, entstanden aus Dankbarkeit und einer Ausrichtung nach innen. Ein Raum ohne konfessionsgebundene Didaktik, ohne gutmeinende Antworten von anderen. Ein geschützter Raum, in dem ganz private Fragen nach Anfang und Ende gestellt sein dürfen.