Jurytexte zu den schönsten Büchern

Schreiben—-Textarbeit • Leseproben

 

Die Stiftung Buchkunst zeichnet jährlich durch eine wechselnde Jury die schönsten deutschen Bücher aus. Elmar Lixenfeld formuliert für den Katalog die Jurybegründungen. Hier eine Auswahl aus dem Jahrgang 2014:

 


Paul Auster, Winterjournal

Um einem Manuskript die Gestalt eines Buches zu geben, braucht es im herstellerischen Tagesgeschäft eigentlich nicht viel. Buchstaben einfließen lassen, zwischen Pappen pressen, Titel auf den Schutzumschlag, drumgelegt, fertig. So wird es zwar meistens gemacht, führt aber oft zu einem Ergebnis, vor dem man sich scheut, es als Buch zu bezeichnen.

austerDie Autobiografie »Winterjournal« stellt keine besonderen Ansprüche an die Gestaltung. Und die Buchgestalter wittern hier auch nicht die Chance, sich selbst zu verwirklichen. Dennoch führt bereits ein wenig Aufmerksamkeit zu einem attraktiven Buchkörper: Auf dem kratzfest mattcellophanierten Umschlag dominiert ein schwarzweißes Jugendfoto des Autors in besonders spannungsreichem Anschnitt. Das Schildchen simuliert eine Aussparung im Umschlag, das Graublau einzelner Buchstaben, der Rückseitenfläche und von Kapital- und Zeichenband wirkt wie verblasste Tinte, die 30er Jahre-Versalien klingen nach vergangener Moderne, das Lineament auf dem weißen Einband ist Schreibheftzitat. Wunderbar, wie zurückhaltend das Thema angedeutet wird: Reflektieren des Altwerdens. – Satzspiegel und Schrift sind traditionell proportioniert, das heißt einfach: mühelos lesbar. Aber etwas ist eigenartig: Die sehr langen Absätze sind so lang, dass sie eigentlich Abschnitte sind. Sie werden mit Leerzeilen voneinander getrennt. Das führt zu einer ungemeinen Ruhe auf den Seiten, sogar zu Doppelseiten mit glatten Satzrändern. Und dass der Buchblock klebegebunden ist, tut dem unprätentiösen Buch keinen Abbruch. So wie es aussieht – ein ganz normales Buch.

 


Octave Mirbeau, 628-E8

Ein grau wirkender Papierklotz liegt auf dem Tisch. Ein Griff nach dem Kartonumschlag – und schon ist man magnetisiert. Unmittelbar ab der U2 verrätselt eine Folge von doppelseitigen Schwarzweißfotografien, Nah- und Detailaufnahmen altertümlichen technischen Gerätes, den Buchtitel »628-E8« – als wenn dieser nicht schon kryptisch genug wäre.

mirabeauGleichzeitig wird die Fährte gelegt: Es handelt sich um das Tagebuch einer Reise, die Octave Mirabeau mit seinem Automobil (Kennzeichen 628-E8) im Jahre 1902 unternahm. Ein extravagantes Unternehmen. Man stelle sich die Beschaffenheit der Straßen vor. Aber sofort möchte man ins Vehikel steigen, zumindest in die Lektüre einsteigen. Alles nimmt Fahrt auf. Toll ist gleich die erste Berührung des Rückens, wenn man die Fadenheftung durch die Broschur hindurch spürt. Dadurch lässt sich das dicke Buch wunderbar aufschlagen. Die Schrift ist mit Bedacht gewählt, sie hat etwas Journalartiges und passt wunderbar zur (19.) Jahrhundertwende. Mit der Einfassung des Anmerkungsapparates in weitere Folgen von Fotodoppelseiten – zusammen mit Umschlag und dem Bucheinstieg – ist man für die Beschäftigung mit dem beträchtlichen Textumfang bildlich ausreichend geimpft. – Eine Botschaft an die Buchwelt: Der Inhalt wird visuell trefflich umspielt, was dem Leser in Verbindung mit vielen feinen typografischen Details einen erlesenen Lektüregenuss verschafft. Eine Bemerkung für die Dogmatiker unter den Setzern: Schusterjungen werden akzeptiert und Trennungen am Kolumnenende in Kauf genommen. Das macht das Leben leichter.

 


Peter Krüll (Hg.), WHO but

Das Magazin der Fakultät Design an der TH Nürnberg bewältigt die selbstgewählte inhaltliche Komplexität durch die Mittel rationaler Typografie der 1960er Jahre. Es geht um Positionen über und im Design.

whoBereits der Umschlag trägt das redaktionelle Prinzip als Relief: Der Einspruch »but« als Blindprägung. Sehr prägnant auch, wie sich die weißen Außenseiten mit dem schwarzen Farbschnitt verklammern. Das Schwarzweiß-Spiel als Darstellung der Meinungspole, und das Konzept der Gegenüberstellung konträrer Ansichten als produktiven Anreiz, darüber zu reflektieren, dass es immer ein »aber«, ein Auch-anders-sein-können gibt. Daher erschließt sich das Material über drei verschiedene Inhaltsverzeichnisse, je nach Benutzerbedürfnis. Den Textsorten sind verschiedene Schrifttypen, verschiedene Grade, verschiedene Spaltenbreiten zugeordnet. Papierwechsel sorgt für weitere Differenzierung. – Typografisch wird ein regelrechtes Musterbuch geboten über die Lesbarkeitssteuerung mittels Einzügen, Satzbreiten und Spaltenpositionierung. So kann man sich wunderbar durchs Dickicht der Argumente hangeln. Merke: Es könnte alles auch anders sein.

 


Mike Hofmaier, Verfassung verstehen

Die Begegnung mit diesem Werk könnte etwa so ablaufen: Neugier. Über die fein ausgestalteten, im Tonus homogenen Grafiken und Schaubilder, die ordnende, klare, animierende Typografie und die Konsequenz der Stilmittel. Geschmackvoller Einband, angenehme Farben, Zusammenspiel aller Materialien. Ein informativ-dekorativer Zahlenakt.

verfassungDann: Verdacht. Es beschleicht einen das Gefühl, der Inhalt von heiliger Bedeutung diene einem grafischen Virtuosen lediglich als Anlass zur Aufführung seiner Fertigkeiten. Man mag das Buch schon fast verärgert aus der Hand legen, weil es doch nur ornamentalen Selbstzweck habe, jene Aneinanderreihung von sinnfreiem, wenn auch hübsch aufbereitetem Grafik-Gedöns. – Doch nun: Magnetisierung! Die Mühe der Visualisierung abstrakter Information, also der Entschlüsselungsarbeit des Autor-Gestalters lohnt, wenn der Leser diese Arbeit würdigt, sich seinerseits in die Entschlüsselungsarbeit begibt und dann zu Würdigung und Dankbarkeit der Arbeit derer kommt, die unser Grundgesetzt zustande gebracht haben. – Und: Dieser visuell-didaktische Kommentar regt auch die Frage an, ob es eine Schönheit des Rechts gäbe.


Herbert Renz-Polster und Gerald Hüther, Wie Kinder heute wachsen. Natur als Entwicklungsraum

Dieser pädagogische Ratgeber reflektiert die landläufigen wie die professionellen Einstellungen über Kindererziehung und unterzieht die Frage nach dem Gedeihen unserer Kinder einer Ausrichtung auf die Rolle, die die Natur dabei spielen sollte. Schon der Einband atmet so viel Raum, obwohl so viel draufsteht.

wiekinderDie Feinfühligkeit in dem hohen Ansinnen und dem Vorgehen der beiden Autoren spiegelt sich in Gestaltung und Materialität dieses Buches. Sie teilen sich ihre Aufgabe. Die Kapitel erhalten am Ende eine Unterfütterung aus neurologischer Sicht. Sie werden mit dem Zahlwort durchnummeriert, nicht mit der Ziffer. Dies als geschmeidiger typografischer Hinweis darauf, dass das Ganze ordentlich, aber eben nicht dogmatisch strukturiert ist. Die warme und dabei sachliche Atmosphäre der Buchseiten ist zurückzuführen auf die von ruhiger Hand dosierten Gestaltungsmittel. Hervorragend – und brillant auf dem glatten Werkdruckpapier gedruckt – ist die Bebilderung mit intensiven und assoziationsreichen Fotografien, obwohl die Motive weitgehend herkömmlichen Bildarchiven entnommen wurden. – Dies Buch liest der Erwachsene doch gleich für sich selbst mit, um zu bedenken, wie es um ihn in seiner eigenen Heranreifung bestellt war.

 


Peter Granser, J’ai perdu ma tête

Dieser blasse, hautfarbene Einband, dieses strukturierte, geradezu runzelige Bezugsmaterial, das Bildschild in aufgeklebter Klarsichthülle eingesteckt – was wird das wohl werden?

perduInnen: Vorsatzpapier weiß, kein Innentitel, Fotos mit Details von Innenräumen, Fotos von Wänden, Gesichtern, manche doppelt, Tonköpfchen. Viel Weiß, geradezu überbordender Weißraum auf der Doppelseite, die Fotografien oben auf der Buchseite Halt suchend zum Bund hin orientiert. Dann fällt ein Zickzackfalz heraus, aus der leeren Doppelseite: Personengruppe auf Wiese. Später noch einer. Die vielen Vakatseiten am Schluss. Ist das Buch etwa nicht fertig geworden? Hat da jemand die Sprache verloren? – Nein, jemand hat den Verstand verloren, eine Gedächtnislücke von zwei Jahren tut sich auf. Paratext und Impressum auf der beigelegten, übergroßen rosa Karteikarte klären auf: Das Fotoprojekt und die buchgestalterische Interpretation geben und verarbeiten den Einblick in die geschlossene Station einer psychiatrischen Klinik. Die gestalterischen Mittel – Fragmentierung, Ausschnitt, Isolierung – geben der Sprachlosigkeit Kontur. Die technischen Mittel – Reproduktion im frequenzmodulierten Raster – führen zu lupenreiner Brillanz.

 


Andres Lepik (Hg.), Afritecture

Was für ein raffiniertes, was für ein passendes Gewebe. Der grobe Faden in hellem, erdigen Ton ist geglättet, die feste Einbanddecke ist gar nicht so fest, sondern flexibel, der Titel ist in fetten Versalien poetisch frei gebrochen. Vor- und Nachsatz tintenblau – wenn das nicht die Zukunft verheißt.

afritectureAuch diesen leisen tonigen Duft, der dem farbigen Druck auf solch geglättetes Werkdruckpapier eigen ist, strömt der Katalog zur Ausstellung zeitgenössischer Architektur in Afrika aus. – Die 29 vorgestellten Projekte sind fein gegliedert. Warme, pastellige Texteinleitungsseiten mit deutlichem und kompromissbereitem Satzspiegel, der die Kantenverläufe auf den Bildseiten vorbereitet. Die Bildseiten wiederum so freimütig, dass die Formate sich auch an den gedachten Kanten vorbeischieben und sich als freies wie stringentes Tableau über die Doppelseiten ausbreiten. – Packende Fotografien der neu gebauten Architekturen, der Baustellen, der Menschen am Bau, der Menschen auf den Straßen und dem Gewimmel in den Städten. Luzide reproduziert und präzise aufs matte Papier gebracht, dass man vom Enthusiasmus infiziert und von der Ahnung eingeholt wird, dass das Gefälle, das der Blick von Norden nach Süden so mit sich bringt, die falsche Richtung hat. Ein betörendes Werk über visionäres Bauen in einem geplagten Kontinent.

 


Christoph Nüssli und Christoph Oeschger, Miklós Klaus Rózsa

624 DIN A4-Seiten. Na, dann mal schnell Daumenkino gemacht. Ein Bömbchen hier, eine Staubwolke da, viele Polizeihelme dort, und noch mehr faksimilierte Schreibmaschinenseiten. Alles schön schwarzweiß, danke, alles klar: Vergangenheitsbewältigung, Stress mit dem Staat. BRD, 1968? DDR, Stasi?

rozsaMoment mal: Stadtpolizei Zürich, Kontonspolizei Zürich, Bundespolizei? Stress in der Schweiz! Das als Quellenedition inszenierte Material, das der Schweizerische Staat von 1971 bis 1989 über den Fotografen und Politaktivisten Miklós Klaus Rózsa ansammelte sowie das fotografische Werk von Rózsa selbst ist in dieser Publikation zu einem Kunstwerk der Zeitgeschichte komponiert worden. Eine der faszinierenden Fotografien: nächtliches Stacheldrahtgewölle im Blitzlicht. Wie angenehm es für die Menschen in Uniform gewesen sein mag, die Bürgerattacken zu beschwichtigen, sei dahingestellt. – Das gravierende, sublime Mittel der Buchgestaltung: Alle Dokumente der staatlichen Überwachung und der zeitgenössischen Berichterstattung sind mit einem kreidig-weißen Fond versehen; alle Fotografien von Rózsa und Paratexte sind Schwarz auf Papierweiß reproduziert. Dieser kaum wahrnehmbare, aber entscheidende Kontrast zieht den dritten Beobachter, also den Leser, in das Bespitzelungskarussel mit hinein. – »Labile Elemente«: Das war wohl das Motto der Bundespolizei wie der Buchgestaltung. Es waren wohl Freaks am Werk.

 


Lemony Snicket, Dunkel

Einigen wird der Autor bekannt sein für seine schrägen und finster-makaberen Kinderbücher. Auch im vorliegenden Bilderbuch wird mit der Angst vor der Dunkelheit eindrucksvoll gespielt, denn dieses Unheimliche beschäftigt doch die meisten kindlichen Gemüter.

dunkelDer Einband verwandelt das sattsaugende Schwarz der Fläche in die nicht benennbare Bedeutung der Dunkelheit. Die Empathie des Betrachters ist sofort gesichert. Oh je, der arme Tropf. Er steht da zögernd am Rande des Abgangs in den Keller. Auf der Einbandrückseite schimmert schwach aus dem Dunkel eine Vignette heraus, das Ziel des nächtlichen Ausflugs: eine Kommode. Also auf geht’s: Vorsatz knackeschwarz. Schwarzer Schmutztitel plus Knabe, dessen Taschenlampe einen Lichtkegel aus dem Anschnitt wirft. Innentitel: Der Lichtkegel zieht sich cineastisch über die Doppelseite und den mittelachsigen Text auf. Und dann: Das Segment der untergehenden Sonne wirft ihren letzten Schein ins Kinderzimmer. Der kleine Kerl schaut besorgt von seinen Autos auf, die Taschenlampe in Griffnähe. – Auf der nächsten Seitenfolge werden die Räume im Haus vorgestellt in warmen, unbunten, klecksig strukturierten Farben auf dem schwarzen Lineament der Tintenzeichnung, das wie räumliche Koordinaten den Doppelseiten, freilich auch dem satten Schwarz, eine raffinierte Tiefe verleiht. Der Illustrator ist inspiriert vom Duktus der 1960er Jahre und als Trickfilmanimator geschult im Aufbau bewegter Dramaturgie. Im Buch aber hat der Betrachterleser die Tempogestaltung selbst in der Hand. Entweder folgt er zügig dem Schlaglicht der Taschenlampe, oder er schleicht sich zaudernd voran. Das unheimliche Dunkel kommt ihm regelrecht entgegen, fühlbar durch das samtige Papier, warm statt glatt, geschmeidig beim Berühren und Blättern. Der Text ist unprätentiös gesetzt und platziert, unaufdringlich wie eine Stimme aus dem Off. Wahrscheinlich hat dieses Buch auch therapeutische Wirkung – es wäre kein Wunder.