Ostern auf Folegandros

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Das Fest der Auferstehung auf der griechischen Insel Folegandros

Die ganzen Wintermonate lang ist es ruhig auf der kargen Kykladeninsel mit ihren kaum 550 Einwohnern. Wenige Tage vor Ostern öffnen sich die Fensterläden und Türen, es wird geputzt und gestrichen. Die Inseljugend rüstet sich mit Dynamitstangen, Gewehren und Munition. Dann beginnt die mehrtägige Wanderung der Ikone in jedes Haus und über die ganze Insel, begleitet vom ohrenbetäubenden Lärm der Schüsse, von Raki und vielen Köstlichkeiten.

Wenn Dimitris drei Tage vor Ostern bedächtig in dem großen Suppentopf rührt, verlässt seine Frau die Küche. Die wenigsten Inselbewohner machen sich noch wie er die Arbeit, die traditionelle Ostersuppe mühsam zuzubereiten. Man braucht dazu auch möglichst eigene Schafe. Die besitzt Dimitris, wie die meisten seiner Nachbarn. Doch für die Suppe kommen sie zu ihm, in der Osternacht um Mitternacht. Tage vorher dringt der charakteristische Duft der Innereien auf die schmale Gasse vor seinem Haus, die jetzt nicht wie sonst vom fröhlichen Spiel der Kinder erfüllt ist. In der Karwoche hocken die Kinder in kleinen Gruppen auf dem Boden und reden nur selten; sie müssen sich konzentrieren, um die Pinsel ruhig zu führen und die »Dames« unter dem kritischen Auge der Erwachsenen zu malen. Ordentlich müssen sie sein, die Dames. So nennt man die Fugen zwischen den großflächig gepflasterten Natursteinwegen, die jedes Jahr vor Ostern mit einem neuen weißen Fugenstrich umrandet werden. So entsteht das für die griechischen Inseln so charakteristische weiße Fugennetz auf den Straßen. Früher wurden die Fugen wie die Häuser gekalkt, heute benutzt man Acrylfarbe.
——Ostern, das bedeutet Frühling. Es ist die zauberhafteste Jahreszeit der ägäischen Inseln, die im Sommer sehr heiß werden können. Jetzt, im Frühjahr, verwandeln sich die sanften Hügel binnen weniger Tage in große, von weitem schon bunt leuchtende, duftende und summende Blumenwiesen. Zwischen kniehohen Wildblumen stehen Esel, Schafe und Ziegen, als könnte es seit Jahrhunderten nicht anders sein. Esel sind in dem weitläufigen terrassierten Gelände unentbehrliche Helfer. Sie schleppen Tierfutter über schmale Wege zu den Schafen auf den Höhen. Die Lämmer haben jetzt die richtige Größe erreicht. Etwa 14 Tage vor dem wichtigsten Fest des Jahres sind alle Inselbewohner auf den Beinen. Die Dörfer werden gewienert, geputzt, geschrubbt, gestrichen. Es wird geschlachtet, gekocht, gebacken. Und: Der Sarg wird geschmückt.
——Der Sarg, das ist der Sarg Christi, den die Frauen für Karfreitag in ein prachtvolles Blumenmeer einhüllen. Als Ausdruck der Trauer und der Ehrerbietung steht er in der Mitte der stets geöffneten Kirche, gleich vor der Ikonostase. Nach der Karfreitagsliturgie setzt sich die Prozession mit dem Sarg in Bewegung. Abwechselnd wird er von jeweils vier Männern in einem sich langsam durch den nächtlichen Ort Chora bewegenden, betenden und singenden Menschenzug getragen und anschließend wieder in die Kirche gebacht, wo er bis zum Auferstehungstag wartet.
——Nach der betriebsamen Vorbereitung der letzten zwei Wochen, nach dem Schlachten, dem Suppekochen, Malen der Dames und Backen beginnen jetzt die stillen Kartage. Wieder wird es einsam in den Gassen von Folegandros. Doch nur, um nach diesem Innehalten, nach dieser Stille, das Auferstehungsfest zu begehen. Mit der Osternacht beginnt der Freudentaumel, ein einziges großes, mehrtägiges Fest. Folegandros ist bis nach Athen für seine Osterprozession berühmt, die sich als religiöse Wanderung Hunderter Menschen über die ganze Insel erstreckt. Wer laufen kann, läuft bei diesem alljährlichen Initiationsritual mit. Wer nicht so gut zu Fuß ist, erwartet die Prozession an einem festlich gedeckten Tisch. Alle feiern die Auferstehung Jesu Christi als großes Freudenfest. Die ganze Insel feiert. Die weiß gekalkten, strahlenden Häuser sind mit frischen Wiesenblumen geschmückt, es fließt literweise Raki, jeder ist hier Gast, egal, woher er kommt. Jeder soll es mit allen Sinnen begreifen: Christos anesti! Christus ist auferstanden. So begrüßen sich Griechen an Ostern.
——Ostern, das bedeutet Bewegung, Gehen. Es beginnt mit einem Festgottesdienst in der Panhagia, der Hauptkirche der Insel, oberhalb des Ortes Chora an der Klippe gelegen. Mit kräftigen, geübten Handgriffen wird die versilberte Ikone aus der Ikonostase herausgenommen und unter dem Gesang des Vorsängers und des Priesters aus der Kirche herausgetragen. Die Serpentinen hinunter, geht der lange Zug strammen Schrittes durch die Pensionen, Cafés und durch alle Privathäuser. Das Gehen, die Prozession, ist liturgisch schon immer wichtig gewesen. In der Antike gingen die Gläubigen zum Tempel, zum Opferaltar, in den altrömischen Religionen umschritt man das Heiligtum. Auf Folegandros wird das Gehen zu einer ausgedehnten Wanderung über die ganze Insel.
——Um in jedes Haus zu gelangen, erinnert das Tempo der Prozession eher an ein sportliches Walken als an ein feierliches Schreiten. Kräftig und existentiell ist alles auf einer Insel, deren karger Boden nur dann etwas hervorbringt, wenn man ihn immer wieder bearbeitet, wässert, und der Erosion durch ständiges Ausbessern der Trockenmauern entgegenwirkt. Süßwasser ist Luxus, es muss mit der Fähre vom Festland geholt werden, die Zisternen reichen allein nicht aus. Die Inselbewohner haben seit Generationen gelernt, alles zu verwerten. Ein ausgedientes Bettgestell aus Metall findet sich als Zauntor wieder, eine verrostete Wassermine als Grillofen, Treibholz wird am Strand als Brennholz gesammelt – von jedem geschlachteten Schaf wird alles verarbeitet . Auferstehung von den Toten wird auf dieser Insel im Frühling unmittelbarer erfahrbar als in einer mitteleuropäischen Großstadt. „Christos anesti“ wird von den griechisch-orthodoxen Christen als Feudenereignis gefeiert, das alle Sinne ergreift – und nicht als intellektueller Akt.
——Auferstehung, das bedeutet auf Griechisch: trinken, essen, sich treffen, plaudern, den Frühling feiern, tanzen – und nicht zuletzt schießen und donnern. Die jungen Männer feuern Salven, was das Zeug hält, und die Großmütter mit Kostüm und Kopftuch feuern sie an, sich für ein Erinnerungsfoto in Pose zu stellen. Andere laufen der Prozession voran, postieren sich auf den Flachdächern und begrüßen die Ikone mit ohrenbetäubenden Dynamitexplosionen.
——Die Ikone, der heilige Gegenstand, um den sich hier alles dreht, bekommt derweil wie ein Familienmitglied auf dem Sofa einen Platz, während Gastgeber und Gäste sich mit Raki zuprosten und die neuesten Geschichten austauschen. Was ist die Ikone? Ist es die Malerei, die Maria darstellt, oder ist es der Silberrahmen über der Malerei, die längst zu unkenntlicher Patina verblasst ist? Eine Frage, die sich auf Folegandros so nicht stellt. Die Ikone ist die Ikone. Christus ist auferstanden. Und bevor die Ikone am Ende der Prozession wieder nach Hause kommt, in ihre Ikonostase oben in der Muttergottes-Kirche – der Panhagia – gehen alle Menschen einmal in die Knie, bekreuzigen sich und gehen unter der von zwei Männern gehaltenen Ikone hindurch in das neue Jahr.