Wieviele ›Gürzeniche‹ gibt es in Köln?

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Angela Pfotenhauer und Elmar Lixenfeld
Festarchitektur der fünfziger Jahre. Der Gürzenich und St. Alban in Köln
J.P. Bachem Verlag, 84 Seiten

Die Geschichte des Kölner Festhauses, berühmt durch die kaiserlichen Gäste im Mittelalter, die Karnevalstradition seit dem 19. Jahrhundert und die international gewürdigte Architektur der Nachkriegszeit, lässt sich gleich viermal schreiben.

Das spätgotische Kauf- und Festhaus ›Gurtzenich‹, dieser große bürgerliche Bau des mittelalterlichen Köln, wurde im 19. Jahrhundert entkernt und existiert nur noch fragmentarisch in seinen Außenmauern (Gürzenich 1).
——Der Um- und Anbau im 19. Jahrhundert sorgte für eine reiche Ausstattung des großen Festsaales und ein prächtiges neogotisches Treppenhaus mit Wandelgängen. Diese kann man nach erneuter Entkernung durch Bombardement im Zweiten Weltkrieg und Abriss zu Beginn der fünfziger Jahre nur noch auf Plänen und Fotografien betrachten (Gürzenich 2).
——Durch Verzicht auf kopierende Rekonstruktion, durch die Einbeziehung der benachbarten Kirchenruine von St. Alban und die Ausgestaltung des Treppenhauses zur großzügigen Wandelhalle entstand bis 1955 das architektonische Gesamtkunstwerk Gürzenich-St. Alban (Gürzenich 3).
——Die Sanierung 1996/1997 bewahrt die Raumfolge und den Bauschmuck aus den fünfziger Jahren (Gürzenich 4).
——Vom Mittelalter bis heute waren die sich wandelnden Vorstellungen von Zweckmäßigkeit und Repräsentation immer wieder Anlass zur Umgestaltung des Festhauses. Und immer spiegelte der Umgang mit der bestehenden Bausubstanz den Geist der Zeit, der Bauherren und der Architekten.
——Das Besondere an dem heutigen Bauten-Ensemble Gürzenich-St. Alban ist die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher historischer Zustände. Die architektonische Interpretation reflektiert mittelalterliche Platz- und Gassenstrukturen, das Raumprogramm der Erweiterung im 19. Jahrhundert und die Tatsache eines Weltkrieges.
——So lässt sich das Bauten-Ensemble Gürzenich-St. Alban gleichsam als Geschichtsbuch lesen, wenn der aufmerksame Besucher sich die Zeit nimmt, das vielgestaltige Raumgefüge zu erleben, Details und Zusammenhänge zu entdecken.

 

Ein wichtiges Merkmal des im Buch beschriebenen architektonischen Konzeptes für den Aufbau des Gürzenich nach der Kriegszerstörung war die Blickbeziehung zwischen neuem Treppenhaus, der Kirchenruine St. Alban und dem Kölner Dom. Seit dem Bau des Wallraf-Richartz-Museums gibt es diesen Blick nicht mehr.