Was will die Elzette?

Schreiben—-Textarbeit • Leseproben

 


Am 11.1.2008 erschien die Lebensmittelzeitung in neuer Form. Die Kollegen Christoph Burkardt und Albrecht Hotz (Burkardt | Hotz, Büro für Gestaltung) hatten die grafische Ordnungsarbeit übernommen. In jener Ausgabe schrieb E. L. zur Schriftsuche:

Diese Zeitung erscheint in einer neuen Schrifttype, der Elzette. Nicht, weil die vormals verwendete, die alte Times New Roman eine schlechte Schrift wäre; sondern weil die Gestalt der LebensmittelZeitung insgesamt überarbeitet wurde. Den technischen Anlass gab die Verkleinerung auf ein handlicheres Format.

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Bei der typografischen Verfeinerung gingen die Gestalter Christoph Burkardt und Albrecht Hotz, Büro für Gestaltung Offenbach, auf die Suche nach einer passenden Schrift. Unter tausenden von fantastischen Schriften sollte wohl eine dabei sein. Aber: Die eine ist zu breit, die andere zu verschnörkelt, eine hat ein exaltiertes g, eine zu feine Serifen, zu kleine Punzen, zu altmodische Rundungen, zu schräge Achsen … das darf doch nicht wahr sein.
——Nach langem Blättern und Probetext Setzen sprachen sie mit dem Frankfurter Kollegen Elmar Lixenfeld und stellten ihm die Aufgabe – sie klingt bescheiden wie vermessen zugleich: eine Schrift zu entwickeln, die unauffällig, aber zeitgenössisch, nicht modisch, aber nicht langweilig, dennoch haltbar und deshalb zeitlos wirkt. Obendrein soll mit der neuen Schrift bei verkleinertem Papierformat eine ähnliche Textmenge wie im alten Format erfasst werden – und sich vor allen Dingen gut lesen lassen. Wie geht denn das?
——Raum spart die neue Schrift, indem die 233 Zeichen gerade so schmal proportioniert sind, dass sie noch nicht wie eine echte schmale Schrift aussieht. Die Serifen, also die kleinen, meist horizontalen Füßchen, sind etwas kürzer, dafür kräftiger als die der Times, ebenso fehlen die Kehlen zu den Serifen. Auch sind die dünnen Stellen stärker, zum Beispiel die Ansätze von Bögen. Die Ober- und Unterlängen, wie bei p und d, sind relativ kurz, aber nicht stummelig. Die Versalien, die Großbuchstaben, machen sich klein, ohne im Vergleich mit den Gemeinen, den Kleinbuchstaben, mickrig zu werden.

——Das alles garantiert noch keine lesbare und moderne Schrift. Jede einzelne Figur ist so geformt, dass sie unter ihren immer wechselnden Nachbarn natürlich als sie selbst erkennbar, aber nicht als Störung auftritt. Die Figur besteht nicht nur aus der Fläche, die mit Druckerschwärze bedeckt ist, sondern genauso aus dem innenliegenden und umgebenden Weißraum: den Punzen und dem Fleisch. Das muss man sich klar machen, wenn ein Buchstabe in der Größe vielleicht besonders gefällt, im Lesetext aber zur Stolperfalle wird. Es lässt sich leider nicht mit dem Lineal messen, nur mit dem Augenmaß. Der Wille zur Form genügt nicht, das Vermögen zur Vermeidung gehört dazu.
——Insgesamt steht die Elzette in dezenter Schwärze sehr aufrecht. In der Kursiven schließen die Schäfte auch auf der Schriftlinie mit Serifen ab; das ist nicht neu, aber selten. Es wirkt im Zusammenspiel mit der Geradestehenden unmerklich ungewohnt, dafür modern.
——Nehmen wir das große R. Der Bogen schließt nicht an den Schaft, sondern wechselt in einem Zug die Richtung nach unten. So hat der Römer bereits manchmal den auf Stein gemalten Pinselstrich seines R nachgemeißelt. Nehmen wir das kleine a. Es hat am Abstrich eine Serife an Stelle des morphogenetisch dahingehörenden runden Häkchens. Die kantige Serife an dieser Stelle ist auch nicht neu, harmonisiert aber die Schaftabschlüsse auf der Schriftlinie. Der Bauch dieses a sitzt möglichst tief wie das kleine e sein Köpfchen recht hoch trägt – ohne beidesmal die Zierlichkeit dieser Stellen in den Renaissanceschriften zu übernehmen. Ein schöner Gruß erreicht uns noch aus den Zeiten Adam Rieses in den Ziffern. Nicht nur, dass die Ziffern mit Ober- und Unterlängen, die Mediävalziffern, sich besser in den Fließtext integrieren; die 5 zum Beispiel hat oben den niederländischen rechten Winkel, die 6 und 9 erinnern an den schönen langen westarabischen Schweif. Es gäbe noch viel zu sagen über das kleine j, das große E und das kursive z, die Akzentbuchstaben, besonders unser deutsches ß und das Pfötchen des &.
——Das Finish einer Schrift liegt in ihrer Zurichtung, indem die Abstände der Figuren zueinander festgelegt werden. Wenn der Wechsel von Schwarz und Weiß, von geraden und runden Konturen, von großen und kleinen Formen in der Zeile in einen angenehm fließenden Rhythmus übergeht, freut sich der Tyopgraph und sagt: Die Schrift perlt.