Vor 90 Jahren: Einbauküchen

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A. P. für Kunst und Küche, dem Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Städtischen Kunstmuseum Villa Zanders in Bergisch Gladbach. 

Vor 90 Jahren: Einbauküchen – eine Antwort auf Armut und Wohnungsnot?

Sommer 2014. Ikea »knackt die Küchennorm« und verspricht »unendliche Gestaltungsfreiheit« durch kleinere Module. Ikeas Überarbeitung der bisherigen Normmaße und Standardgrößen kommt dem Kundenbedürfnis entgegen, noch mehr Küchengeräte dekorativ in noch mehr umbautem Stauraum unterzubringen. Die jeden Haushalt erreichende Werbung des umsatzstärksten europäischen Möbelherstellers lässt die Ursprünge der Einbauküchen in Schweden zu vermuten. Die Anfänge fest eingebauter Küchen führen jedoch nach Wien und von dort nach Frankfurt am Main, zu einer Pionierin des »Neuen Bauens«. Die erste Architektin Österreichs, Margarete Schütte-Lihotzky (1897–2000), dachte vor fast 100 Jahren in Kategorien von Halbfertigprodukten und Serienproduktion – allerdings aus einer sozialen Haltung heraus.

Einbaumöbel für mobile Großstadtbewohner

Lihotzky selbst schrieb ihre Verdienste zeitlebens dem Kollektiv zu, dem Team. Sie wehrte sich gegen die Zuschreibung als »Erfinderin« der Einbauküche. Es geschah nicht nur aus Bescheidenheit, wenn der 102 Jahre alt gewordenen Wienerin Lihotzky die isolierte Betrachtung ihrer Küchenkonzeption zu viel wurde. »Ich bin keine Küche!«, rief sie empört im Rückblick auf ihre Frankfurter Zeit aus, wenn akademische Diskurse ihre Küche als »Laboratorium der modernen Hausfrau« der 1920er Jahre würdigten, und zugleich durch diesen Focus auf den einzelnen Raum den wohnungspolitischen Impetus übersahen. Sogar das Bild ist schief: Die Frankfurter Küche ist kein »Labor«. Denn in Lihotzkys kleiner Küche wird keineswegs experimentiert, sondern ergebnisorientiert, zielgerichtet gearbeitet, eben gekocht.
——Als die 18-jährige Lihotzky 1915 einen Abschluss als Architektin anstrebte, ging sie noch lakonisch davon aus, dass niemals eine Frau ein Haus werde entwerfen dürfen. Doch bald wurden ihre akademischen Lehrer auf ihre Planungen mit Einbaumöbeln aufmerksam, so dass sie im Alter von kaum 20 Jahren in Architekturbüros in Wien und Rotterdam mit städtebaulichen Themen beauftragt wurde. Sie beschäftigte sich mit preisgünstigen Arbeitersiedlungen, Reihenhäusern und normierten Bauteilen für »billige, rationale, industrielle Massenproduktion.« (Lihotzky, Warum ich Architektin wurde, S. 40). Als ihr Entwurf mit leicht montierbaren Fertigteilen 1920 einen anonymen Wettbewerb für eine Kleingarten- und Siedlungsanlage in Wien gewann, erinnerte sie sich im Rückblick: »Keiner der beteiligten Männer hatte 1920 an normierte Bauteile gedacht.« (Lihotzky S. 40).
——Als Lihotzky in jenen Jahren die deutsche Übersetzung der Amerikanerin Christine Frederick über »Die rationelle Haushaltsführung« las, passte dieses Buch zu ihren eigenen Überlegungen. Für sie hing die Rationalisierung der Hauswirtschaft untrennbar mit Wohnungs- und Siedlungsplanung zusammen. Auch Lihotzky erlebte die zunehmende Berufstätigkeit von Frauen und damit die Doppelbelastung durch Beruf und Haushalt. Die visionäre Architektin ging davon aus, dass berufstätige Städter in Zukunft mobiler leben würden, dass sie für wechselnde Arbeitsorte häufiger umziehen und nicht jedes Mal schwere alte Möbel mitschleppen wollten. Im »Roten Wien« zwischen 1918 und 1934 wurde der kommunale Wohnungsbau überaus erfolgreich durch umfangreiche Bauprogramme der sozialdemokratischen Regierung vorangetrieben, um der Armut und katastrophalen Hygiene wirksam zu begegnen. Lihotzky selbst arbeitete spätestens 1921 Pläne für neue Haustypen aus. Ihre beiden Häuser, die sie 1930–32 für die Wiener Werkbundsiedlung baute, zählen zu den wenigen realisierten Gebäuden von ihr, die bis heute existieren.
——Ein Zufall führte den Architekten und Stadtplaner Ernst May (1886–1970) in das Atelier der innovativen Studentin, die als Assistentin mit dem Architekten Anton Brenner an einer »Wiener Küche« arbeitete. Im November 1925 rief May die 28-Jährige in Wien an, um sie mit großzügigem Gehalt als Architektin nach Frankfurt zu holen. Als Lihotzky Ende Januar 1926 im Frankfurter Rathaus das Zimmer ihres neuen Chefs betrat, las sie über seinem Schreibtisch den programmatischen und oft zitierten Spruch: »Fasse dich kurz!« Keine Zeit verlieren, effektiv planen, pragmatisch entscheiden, ökonomisch bauen, kurzum: so schnell wie möglich bezahlbare Wohnungen schaffen, das kannte sie bereits aus Wien. Das gleiche Ziel hatten die Frankfurter. Oberbürgermeister Ludwig Landmann organisierte dazu die städtische Baubehörde neu und ernannte als deren Leiter Ernst May zum Baudezernenten. May wurde zur Galionsfigur der kurzen, effektiven Phase des »Neuen Frankfurt« der 1920er Jahre.

Bezahlbares Wohnen im Grünen

Was Ikea nach dem Zweiten Weltkrieg groß werden ließ – die serielle, industrielle und damit preisgünstige Produktion standardisierter Module für einfache Selbstmontage – das war in den 1920er Jahren noch eine ökonomische und logistische Herausforderung. Um künstlerische Einzelentwürfe in preiswerte Serienproduktionen zu überführen, suchten Architekten und Designer in Wien, Berlin, Frankfurt und Dessau gleichermaßen den Kontakt zur Industrie – wie etwa der Bauhaus-Direktor Walter Gropius zu den Junkers-Flugzeugwerken in Dessau. Auch den fast 40 Architekten und der einen Architektin unter der Leitung von Ernst May ging es nicht um Kunst oder Baustil, sondern um hohe Ansprüche an menschenwürdige Lebens- und Wohnbedingungen.
——May war von der Reform- und Heimatschutzbewegung beeinflusst, hatte ländliche Ortsbilder untersucht, bei Raymond Unwin in England, bei Theodor Fischer und Friedrich von Thiersch in Frankfurt gearbeitet. Alte städtebauliche Grundregeln berücksichtigend, knüpften Mays Siedlungsentwürfe organisch an bestehende Ortskerne und Straßenzüge an. Die Wohnungen selbst sollten zwar zügig gebaut und streng organisiert werden; dabei wurden jedoch die bescheidenen Wohnflächen durch die öffentliche Umgebung bereichert, durch großzügige Grünzonen, Wege mit begrünten Plätzen und Gärten. So wie Haus und Straße als gestalterische Einheit, als Ensemble, aufeinander bezogen waren, so wurde das Wohnen mit passender Ausstattung angeboten, immer mit dem Ziel, den Bewohnern ökonomische, familienfreundliche Wohnbedingungen, sauberes Wasser und hygienische Speisezubereitung mit frischem Gemüse und Obst aus dem eigenen Garten zu bieten. Mays Siedlungen entstanden als Gegenbewegung zu der überbevölkerten Frankfurter Fachwerk-Altstadt, die man sich heute gern als Idylle ausmalt. Der Landschaftsarchitekt Leberecht Migge (1881–1935) plante in Mays Team die Gärten und Begrünung der Straßen nach dem Vorbild englischer Gartenstädte. Genau wie Gropius als Leiter des Bauhauses, so wussten May und Migge um die Bedeutung von Öffentlichkeitsarbeit durch eigene Publikationen. In sorgfältig durchgestalteten Broschüren und Zeitschriften verbreiteten sie die Argumente für ihre damals ungewohnten, modernen Architektur-Visionen. Allein die Flachdächer und die vorgefertigten Platten wurden in der konservativen Presse gern diffamiert. Heute ist es selbstverständlich, dass zu einem öffentlichen Bauvorhaben zitierfähige Slogans und eingängige Beschreibungen gehören, um politischen Entscheidern und der Presse zitierfähiges Material zu liefern.

Die Küche als »Marke« für die Architektur

Die Frankfurter Küche von Margarete Lihotzky war die »Marke« für das »Neue Bauen« in Frankfurt. Lihotzky plante außerdem Gebäude – was oft übersehen wird, weil die meisten Unterlagen aus dem Bauamt im Zweiten Weltkrieg verbrannten. Ihr Aufschrei, »Ich bin keine Küche«, wird vor diesem Hintergrund verständlicher: Sie wollte nur bauen. Für Frankfurt plante sie Kindergärten und die zentralen Einrichtungen der Siedlungen, etwa die Waschhäuser; man darf vermuten, dass sie auch die siedlungsnahen Gartenhäuser plante, da sie dafür bereits in Wien ausgezeichnet worden war. Der für May unverzichtbare, möglichst große Wohnraum, der vom geruchs- und geräuschintensiven Kochen räumlich getrennt sein sollte, erzwang Einschränkungen auf Kosten der Küchenfläche bis auf sechs und sogar vier Quadratmeter. Damit war ein Maß erreicht, das für bürgerliche Wohnvorstellungen damals absurd klein wirkte. Wer bei seinem Umzug in die begehrten Neubauten am grünen Stadtrand damals konventionelle Küchenmöbel mitbrachte, bekam sie schlichtweg nicht durch die Tür.

Siedlung Römerstadt, Frankfurt am Main: Die einzige originale, öffentlich zugängliche Frankfurter Küche am ursprünglichen Ort befindet sich im aufwändig restaurierten Haus der Ernst-May-Gesellschaft in der Siedlung Römerstadt. Je mehr originale Küchen bei Haussanierungen herausgerissen werden, desto wertvoller werden diese frühen Einbauküchen für Denkmalpfleger, Restauratoren und Liebhaber.

 

——An dieser Stelle griffen Lihotzkys neuartige Einbaumöbel. Damit rettete die Wiener Architektin Mays Frankfurter Wohnvision. Ihr unkonventionelles Denken mit praktischen Schränken, die vor dem Einzug bereits eingebaut waren, indem im Rohbau Sockel und ähnliche bauliche Vorbereitungen getroffen wurden, löste das Dilemma. Die Einbauküchen wurden der aufgeschlossenen Hausfrau mit Zeit- und Wege sparenden Argumenten nahegebracht – ähnlich den heutigen Verkaufsargumenten von Ikea. Die Stadt bot Kochkurse an, und die von May herausgegebene Zeitschrift »Das neue Frankfurt« thematisierte jenes »Neue Bauen« für den »Neuen Menschen« und bildete Möbel nicht isoliert als Einzelstücke ab, sondern zeigte sie – das war neu – in eingerichteten Räumen. Durch die zur Architektur mitgelieferten »Gebrauchsanweisunge« für die Wohnungen konnte die Stadt Frankfurt die kleinen Küchen neben dem großzügigen Wohnzimmer »mitverkaufen«: Die Wohnungen in den rund 20 Siedlungen mitsamt Infrastruktur, mit Schulen, Kindergärten, Geschäften und Kirchen wurden mit eingebauter Küche vermietet bzw. verkauft.
——Dazu musste die Stadt parallel zum Baubetrieb mindestens 12.000 Küchen herstellen und einbauen lassen. Kein Handwerksbetrieb wäre vor 90 Jahren allein in der Lage gewesen, eine solche Menge von Einbauküchen zu produzieren. So überrascht es nicht, dass Lihotzkys Frankfurter Küchen in vielen Farbnuancen und Detaillösungen existieren. Die Küchen wurden in typisierte Hausgrundrisse eingebaut, die zwar rechte Winkel und Maßhaltigkeit durch Serienproduktion mit vorgefertigten Platten propagierten, jedoch in einer Zeit gebaut wurden, als Henry Fords permanentes Fließband, seine »moving assembly line« von 1913 erst wenige Jahre alt war. Die Verkaufsargumente für die ersten Serien-Einbauküchen im Deutschen Reich stützten sich auf »wissenschaftliche« Untersuchungen, auf Streckenmessungen mit Stoppuhr. Trickfilme führten Logik und Leichtigkeit vormals mühsamer Arbeitsgänge vor Augen. Werbefilme zeigten, wie eine flinke junge Frau mit Bubikopf die gesunde Speisezubereitung hygienisch, schnell und leicht wie in einem Imbiss-Stand oder einer Eisenbahnküche erledigt. Zwischen Erstem und Zweiten Weltkrieg propagierten wohlmeinende Architekten ein rationalisiertes Hauswirtschaften im Privaten – ähnlich wie es schon damals Industrie und Rüstungsindustrie erforderten. Die getaktete Arbeitszeit am Fließband durchdrang als Maßeinheit das Privatleben; die ökonomische Vernunft, dass Maschinen Tag und Nacht laufen müssen, um sich zu amortisieren, wurde in die Familie und die Speisezubereitung übertragen. Weitsichtige Künstler wie Fritz Lang mit seinem Film »Metropolis« (1927) und Charles Chaplin mit »Modern Times« (1936) durchschauten den Gang der Dinge.

Die originale Küche als Dokument

In den 1920er Jahren hatten auch Akademiker oft kein Geld mehr für Haushaltshilfen übrig. Frauen durften dank mutiger Politikerinnen wie Clara Zetkin und Rosa Luxemburg 1919 zum ersten Mal wählen und konnten in der Weimarer Verfassung nachlesen, dass sie den Männern gegenüber nun gleichberechtigt sind. Zugleich war mit dieser politischen Errungenschaft die außerparlamentarische Revolutionsphase der Frauenrechtsbewegung beendet, und zwar bis zur 1968er Bewegung.
——Als Schütte-Lihotzky 1941 im österreichischen Widerstand aktiv war und versuchte, Menschen zur Flucht aus Nazideutschland zu verhelfen, wurde sie denunziert. Sie überlebte die mehr als vierjährige Haft in einem Frauenzuchthaus in Bayern. Ihre kritische soziale und politische Haltung behielt sie nach 1945 bei und erhielt als Kommunistin in Österreich nie wieder größere Aufträge.
——Was ihr Denken, ihr Menschenbild und ihre Architekturauffassung bis heute in dreidimensionalen Dokumenten greifbar macht, das ist der räumliche Zusammenhang und der logische Bezug zwischen ihren Serienküchen und den Wohnungsgrundrissen in den Häuserzeilen Frankfurts. Die Bedeutung der Einbauküchen für die Wohnkultur im frühen 21. Jahrhundert begreift man nicht, wenn man Lihotzkys Küchen rein ästhetisch, eben nur kunsthistorisch betrachtet. Europas erste Einbauküchen wurden angesichts der oft erbärmlichen Wohnbedingungen entwickelt, die in europäischen Großstädten herrschten. Ihre Erfinderin Margarete Schütte-Lihotzky wollte die Welt durch bezahlbare Wohnungen mit modernen Küchen ein wenig verbessern.

 

Ein Song
— Robert Rotifer, My Tribute to the Frankfurt Kitchen auf Youtube

Quellen
— Das Neue Frankfurt. Monatsschrift für die Probleme moderner Gestaltung. Hsg. von Ernst May ab 1926.
— Die Wohnung für das Existenzminimum. Frankfurt am Main 1930. Hsg.: Internationale Kongresse für Neues Bauen und Städtisches Hochbauamt Frankfurt am Main. (Der Hsg., der CIAM – Congrès International d’Architecture Moderne II – tagte 1929 in Frankfurt.) Hsg. der Faksimile-Neuauflage: werkbund jung. 2009. Darin sind 100 Wohnungsgrundrisse publiziert, kommentiert u.a. von Le Corbusier, Sigfried Giedion, Walter Gropius, Ernst May.
— Leberecht Migge: Jedermann Selbstversorger. Eine Lösung der Siedlungsfrage durch neuen Gartenbau. Jena 1918.
— Schütte-Lihotzky, Margarete: Erinnerungen aus dem Widerstand. Das kämpferische Leben einer Architektin von 1938–1945. Hsg: Irene Nierhaus, Vorwort von Peter Huemer. Berlin 1985.
— Schütte-Lihotzky, Margarete und Zogmayer, Karin: Warum ich Architektin wurde. Salzburg 2004.
— Christine Frederick: Household Engineering. Scientific Management in the Home. 1919. Von der gleichen Autorin erschien 1913: The New Housekeeping. Efficiency Studies in Home Management. Dieses Buch wurde um 1920 von Irene Witte ins Deutsche übertragen und mit dem Titel »Die rationelle Haushaltsführung«, 1922.

Sekundärliteratur
— Ernst May (1886–1970). Neue Städte auf drei Kontinenten. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung, die vom 28.7. bis 6.11.2011 im Deutschen Architekturmuseum Frankfurt stattfand. Hsg.: Claudia Quiring, Wolfgang Voigt, Peter Cachola Schmal, Eckhard Herrel. München, Frankfurt am Main 2011. Dort findet sich ein umfangreiches Verzeichnis mit »Literatur von Ernst May« (Seite 319–322), und »Literatur über Ernst May« (Seite 322–325).
— Susan R. Henderson: Building Culture. Ernst May and the New Frankfurt Initiative, 1926–1931. Aus: Studies in Modern European History, Volume 64. New York 2013.
— Die Frankfurter Küche. Eine museale Gebrauchsanweisung. = Band 1 der Reihe Schaukasten. Hsg.: Werkbundarchiv – Museum der Dinge Berlin und Renate Flagmeier. Berlin o. J. (2013).

— Eine Liste von museal restaurierten Frankfurter Küchen findet sich in Wikipedia unter dem Stichwort »Frankfurter Küche«.